Rassismus und Rechtsterrorismus – ein Fass ohne Boden

Egal ob Pogrome an Jüdinnen im Hochmittelalter, Sklavenmärkte für polnische, sorbische oder litauische Menschen, Zig***pogrome in der Frühen Neuzeit, Genozid an Herrero und Nama zu Beginn des 20. Jahrhunderts und schließlich der Holocaust. Die Geschichte von Rassismus „Made in Germany“ ist ellenlang. Und er ist und war keinesfalls „latent“.

Offizielle Staatsdoktrin ist der Rassismus seit 1945 nicht mehr, spätestens als die Aliierten dem Nationalsozialismus die Herrschaft entzogen. Aber in der kapitalistischen Klassengesellschaft ist der Ellenbogen elementar. Dankbar gehen viele Deutsche für ihr gutes, deutsches Kapital arbeiten. „Familienunternehmen“ nennen sich solche Firmen gerne. Deutsche Familien sind gemeint. Wer nicht dazugehört, schnell klar. Die anderen: Die mit der anderen Religion, der falschen Hautfarbe, falscher Herkunft, der falschen Sprache(n), dem falschen Geschlecht. Die, die Büros putzen, Autos zusammenbauen, schlimmstenfalls in Zelten hausen.

Deshalb ist nicht weiter verwunderlich, dass der Hanauer Attentäter[1] gleich 20 Länder aufzählt, die alle ausgelöscht gehörten. Alle im arabischen und asiatischen Raum wohlgemerkt. Schuld an der finanziell schlechten Lage seiner eigenen Familie: „Geheimorganisationen“. Jüdische, islamische, queere, kulturmarxistische. Jeder noch so inhaltsleere rechte Kampfbegriff, der durch die digitalen Medien geiert. Einzig logische Reaktion für ihn: Ein Amoklauf gegen „die Anderen“. Genau vor einem Jahr, am 19. Februar 2020 setzt er seinen Plan in die Tat um. Der Vater sieht seinen Sohn als Opfer. Er und sein Sohn seien gesund, die anderen alle krank. „Ein Falschfahrer? Nein, Tausende!“, möchte man ihm zurufen. Aber das würde er sowieso nicht verstehen. Der Geist des Humors hat diesen Teil der Deutschen schon lange verlassen. Deshalb steht die restliche Gesellschaft wieder an diesem Punkt, an dem alle offen Fragen noch viel mehr brennen als sonst. Denn der „Gesunde“, er erschoss neun „Andere“ und die eigene Mutter obendrein. Doch sie waren nicht anders. Sie waren es nie und werden es nie sein.

„Rassismus ist Ausdruck einer von der Barbarei der Klassengesellschaft gezüchteten Wahnvorstellung. Er folgt nicht aus Beobachtung von Wirklichkeit und braucht keine auffallenden physischen Unterschiede. Er ist ein soziales Verhältnis, das mit biologischen Unterschieden legitimiert wird – oft aber auch nicht.“[2]

Die Ermordeten waren Ausdruck der Wahnvorstellung des Täters, die Ermordeten entsprachen seinem Ausdruck davon, wie diese „Anderen“ aussehen. Sie gehen in Shishabars, Orte, die er nicht kennt. Nur aus dem Privatfernsehen, denn dort machen immer „Clans“ und Geldwäscher*innen ihre schmutzigen Geschäfte. Sie sprechen Sprachen, die er nicht kennt. Sie tragen Kleidung, die er nicht kennt. Er hätte auf sie zugehen können. Einen Kopf mit ihnen rauchen, ihre Sprache lernen. Er hätte auch einfach nur an ihnen vorbeigehen und Hallo sagen können, wie jede andere Person auch. Sie akzeptieren, wie sie sind. Sie annehmen. Er wollte sie „tolerieren“, sie irgendwie „aushalten“, obwohl er sie alle doch unerträglich fand. Und das ging irgendwann nicht mehr, er hielt sie, sich und all das nicht mehr aus.

Deshalb stehen wir jetzt wieder hier an diesem Punkt. Gedenken der Toten, trauern mit den Angehörigen, verdammen den Täter. Hilflos, wie jedes Mal. Es gibt noch so viele offene Fragen, wie beispielsweise: Warum kam die Polizei so spät?[3] Die Forderungen der Inititiative 19. Februar, gegründet von Angehörigen, fordert deshalb zurecht: Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen.

Lasst uns Konsequenzen ziehen und aufklären über das Schicksal von: Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu. Lasst uns den Rassismus bekämpfen, diese Wahnvorstellung!

[1] https://taz.de/Attentaeter-von-Hanau/!5748592/

[2] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1143799.rassismus-die-ukrainische-babysitterin.html

[3] https://19feb-hanau.org/2021/02/14/wir-klagen-an-ein-jahr-nach-dem-rassistischen-terroranschlag/